Montag, 24. November 2014

Meine Mutter



Im letzten Post erwähnte ich, dass meine Schwester die Anspannung am Familienzusammenführungsabend nicht mehr ausgehalten habe und mein Freund nicht verstand, was „mein Problem mit meiner Mutter sei“. Dieser Konflikt begegnet mir leider öfter. Außenstehende, die meine Mutter nicht während des Klimax ihrer Depressionen und Manien miterleben durften, halte sie für eine normale Frau mit einem Hang zum theatralischen, die aber im Großen und Ganzen einen sympathischen und auf jeden Fall zurechnungsfähigen Eindruck macht.
Es macht mich wahnsinnig. Nicht nur das man kein Verständnis dafür bekommt, was man durch leiden musste, nein, man muss auch noch rechtfertigen, warum man sie nicht bedingungslos liebt.
Meine Mutter hatte die Angewohnheit sich bis zu 2 Wochen im Schlafzimmer zu verbarrikadieren, währenddessen meine Schwester und ich (11 und 7), uns mit Lebensmitteln und versorgen durften, aufstanden, zur Schule gingen, gute Klausuren schrieben, uns gegenseitig ins Bett brachten und Niemandem ein  Sterbenswörtchen erzählten. Meinem Vater spielten wir am Wochenende heile Welt vor, weil uns von unserer Mutter indoktriniert wurde, dass alles seine Ordnung habe und wir Zahnräder seien, die funktionieren müssten, damit nicht alles zusammenbreche. Wir wuchsen mit ständigem Lügen auf. Irgendwann wusste ich natürlich auch selbst nicht mehr, was wahr und was simuliert war. Defacto habe ich mit 13 einfach nur noch ausziehen wollen. Zu dieser Zeit hörte meine Mutter auf, sich vor dem Leben zu verschließen. Sie wollte jetzt aktiv Part an unserer Erziehung haben, doch leider gab  es da keinen Bedarf mehr, weder an Liebe, noch an sonst irgendetwas. Das machte sie zunehmend aggressiver. Ich erkannte, dass ihre unnötige Überfürsorge gepaart mit der Erkenntnis überflüssig zu sein, für einen labilen Menschen nicht ertragbar zu sein scheint. Bewusst oder unbewusst  tat sie alles dafür Kontrolle über mein Leben zurückgewinnen zu wollen. Das versuchte sie zu erreichen, indem sie mein Selbstbewusstsein schmälern wollte, um mich wieder von ihr abhängig zu machen.

Du bist nichts wert.
Ohne mich bist und kannst du nichts.
Du bist das Undankbarste was mir je passiert ist.
Ich frage mich, warum ich mit so Etwas wie dir gestraft bin.
Ich werde dir noch beikommen.
Glaub nicht, dass du schlauer bist als ich.
Du verfickter Wanzt bist Dreck und nichts weiter.

Ich reagierte mit Abwesenheit. Ich bewegte mich innerhalb der Wohnung lautlos. Ich verschwand an den Bahnhof oder Schlosspark. Leider fand ich auch dort keine Akzeptanz. Über 3 Jahre sammelte ich Drogenerfahrungen. Selbstverletzung. Sportsucht. Abnehmwunsch. Ich arbeitete, ich blieb auf dem Gymnasium. Ich war autark, finanziell und emotional. Mit 17 war die Situation nicht auszuhalten. Meine Mutter reagierte neben ihren verbalen Attacken nun auch mit physischer Gewalt, ich sagte ich würde ausziehen, sie lachte. Ich stellte meinem bis dato eher abwesenden Vater ein Ultimatum. Entweder, er würde mich vom Bahnhof abholen, oder ich stiege in den nächsten Zug nach Berlin. Er tauchte auf und ich wohnte ein Jahr bei ihm. Danach zogen wir in ein größeres Haus und ich bekam meine eigene Wohnung darin. Mittlerweile wohne ich dort nur noch am Wochenende, unter der Woche arbeite ich 100km entfernt, um Praxiserfahrung vor meinem Studium zu sammeln.  Meine Mutter versuchte sich mit Tabletten und Alkohol das Leben zu nehmen. Ich wurde von einem ihrer Bekannten kontaktiert und sollte überprüfen ob sie sich in der Wohnung aufhielt. Nach 3 Stunden vergebenen Wartens vor der Tür, entschloss ich mich die Polizei zu alarmieren und rettete ihr damit das Leben.  Ich bat im Krankenhaus, um die ihre Einweisung in die geschlossene. Man versicherte mir, dass ihre Mündigkeit von einer Psychologin geprüft wurde. Sie erklärte, dass alles ein Versehen gewesen sei. Nach 3 Tagen wurde sie entlassen, und beschwerte sich darüber, dass ich die Feuerwehr alarmiert hätte und sie nun einen Kratzer in der Wohnungstür habe. Mein Freund hat all das mitbekommen. Er hat mich die Kotze meiner Mutter nach ihrem Beinahe-Tod aufwischen sehen.
Ahja. Es ist Zeit ihr zu vergeben. Schließlich hätte auch alles schlimmer kommen können.

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